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Immanuel Kant im Gespräch mit seinem Lehrling



Über die Grundlegung ...

(Eine Gemeinschaftsarbeit des Kurses et 12 2005/2006)

Lehrling: Welches oberste moralische Motiv unseres Handelns nehmen Sie an?

Meister: Allein der gute Wille kann ohne Einschränkung für gut gehalten werden!

L: Und die Talente des Geistes?

M: Verstand, Witz und Urteilskraft sind gut und wünschenswert, können aber ...

L (Kant unterbrechend) : Wie steht es mit den Eigenschaften des Temperaments?

M: Mit Mut, Beharrlichkeit, Entschlossenheit im Vorsatze verhält es sich wie mit den Talenten des Geistes!

L: Aha. Und was ist mit den Glücksgaben?

M: Auch Macht, Reichtum, Ehre, selbst Gesundheit und das ganze Wohlbefinden und Zufriedenheit mit seinem Zustande sind nur gut, wenn sie vom guten Willen gelenkt werden.

L: Aber die Stoa lehrt doch, daß Mäßigung von Affekten und Leidenschaften, Selbstbeherrschung und nüchterne Überlegung einen Teil des inneren Werts der Person ausmachen!

M: Diese Eigenschaften sind ja auch hochzuschätzen, allerdings nur in Verbindung mit einem guten Willen.

L: Aber was ist, wenn der gute Wille nichts Gutes hervorbringt?

M: Nicht der Nutzen oder die Fruchtlosigkeit des guten Willens sind zu beurteilen, sondern allein sein Vorhandensein. Es zählt nur die Gesinnung, allerdings erst nach Aufbietung aller Mittel.

L: Ist das alles nicht vielleicht doch nur hochfliegende Phantasterei? Können Sie Ihre These beweisen?

M: Die Natur geht in allen ihren Anlagen zweckmäßig vor. Die Glückseligkeit kann nicht der Zweck der menschlichen Anlagen sein, sonst hätte die Natur den Menschen mit einem Instinkt ausgestattet.

L: Ja, was denn sonst?

M: Der Mensch ist das einzige vernunftbegabte Wesen, also ist anzunehmen, daß er auch zur Erreichung seiner Glückseligkeit die Vernunft gebrauchen soll.

L(staunt): Wie denn das?

M: Wir können die Vernunft nicht zum Erreichen der Glückseligkeit einsetzen. Vernunft, die sich mit dem Genuß des Lebens und der Glückseligkeit abgibt, scheitert kläglich. Wir finden, daß Menschen mit wenig Verstand glücklicher sein können als solche mit kultivierter Vernunft. Wir nehmen daher an, daß die wahre Bestimmung der Vernunft nicht in anderer Absicht als Mittel, sondern darin liegt, den an sich guten Willen selbst hervorzubringen. Um aber den Begriff eines guten Willens, der nicht gelehrt, sondern nur aufgeklärt werden muß, zu entwickeln, wollen wir uns einmal den Begriff der Pflicht vornehmen.

L: Was soll denn das schon wieder sein? Pflicht? Können Sie mir einmal ein Beispiel geben?

M: Nehmen wir z.B. einen Podagristen. Der steht vor der Wahl, entweder seiner Neigung zu folgen und zu genießen, was ihm schmeckt, oder seiner Pflicht zu folgen - seine eigene Glückseligkeit zu sichern, ist ja Pflicht - und Diät zu halten, was seiner Gesundheit guttut und seine Glückseligkeit fördert. Sein Verhalten erhält einen moralischen Wert dadurch, daß er nicht seiner Neigung folgt, sondern aus Pflicht handelt.

L: Ist dies bei jeder Pflicht so? Wodurch bekommt sie ihren moralischen Wert?

M: Ihr Wert liegt nicht in der durch die Handlung erreichten Wirkung, sondern hängt davon ab, ob das Motiv der Handlung auf dem guten Willen beruht. Erinnerst du dich nicht? Darüber sprachen wir doch anfangs!

L: Ja, ich erinnere mich und jetzt leuchtet's mir auch ein. Können Sie einmal Pflicht definieren?

M: Klar. Pflicht ist die Notwendigkeit einer Handlung aus Achtung vor dem Gesetz. Nicht die Neigung, sondern nur die Pflicht kann Gegenstand der Achtung und damit bindend sein. Verstehst du das?

L: Nicht wirklich. Können Sie es mir noch einmal erklären?

M: Gut, ich gebe dir noch ein Beispiel. Es steht geschrieben: Liebe deinen Nächsten! Nun kann man ja Liebe als Neigung nicht gebieten, sondern nur Wohltun als Pflicht; das heißt also, der Wille kann nur durch ein Prinzip a priori bestimmt werden, es kommt also nur auf die allgemeine Gesetzmäßigkeit der Handlungen an. Meine Maxime muß also immer ein allgemeines Gesetz werden können.

L(noch unsicher): So verstehe ich es schon viel besser.

M(lächelt): Na schön. Wenn du es verstehst, dann verstehen es alle, denn, um zu wissen, welche Handlung sittlich gut ist, braucht man nicht besonders klug zu sein. Man muß sich eben nur fragen, ob die eigene Maxime ein allgemeines Gesetz werden könne.

L: Ist das wirklich so einfach? Gibt es da keinen "Haken"?

M: Doch. Unser Wille gehorcht nicht nur unserer Vernunft, sondern gibt auch unseren Neigungen nach. Darum brauchen wir Gebote in Form von Imperativen, die unsere Willensbildung auf objektiver Ebene halten und uns davor bewahren, unseren Neigungen (unserem subjektiven Willen) zu verfallen.

L: Was ist denn überhaupt ein Imperativ?

M: Hast du deine Lateinvokabeln nicht gelernt?

L: Doch, "imperare" heißt "befehlen". Aber was hat das mit einem Imperativ zu tun?

M: Ein Imperativ ist ein Sollenssatz. Wir unterscheiden zwischen hypothetischen und kategorischen Imperativen. Ein hypothetischer gibt die praktische Notwendigkeit einer Handlung zur Erreichung eines Zieles an; eigentlich ist er nichts anderes als eine Wenn-Dann-Beziehung. Der kategorische Imperativ stellt eine Handlung als notwendig vor, ohne Blick auf einen Zweck.

L: Dann brauchen wir also einen kategorischen Imperativ!

M(hebt anerkennend die Augenbrauen): Sehr gut!

L(eifrig): Dieser Imperativ kann also einerseits nicht aus der Erfahrung gewonnen werden, andererseits muß er ein synthetisch-praktischer Satz sein!

M: Du bist aber gut heute! Solch einen Satz nennt man synthetisch-apriori. Denken wir uns seinen absoluten Verpflichtungscharakter hinzu, kann seine Formulierung nur lauten: Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde!

L: Gut zu wissen.

M: Alles, was nur als Mittel zu einem Zweck dient, ist austauschbar und hat einen Preis. Der Mensch allein kann nicht Mittel für etwas anderes sein, ist also Zweck an sich selbst. Daher können wir unseren kategorischen Imperativ auch so ausdrücken: Handle so, daß du die Menschheit, sowohl in deiner Person als in der Person eines jeden anderen, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel gebrauchst!

L: Danke für die Belehrung, Herr Kant!