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Stefan Frisch: Die Zeit, was ist Zeit, was ist unsere Zeit?
"Zeit haben" sagen wir, "ich habe keine Zeit" oder "ich nehme mir die Zeit dazu", also haben wir Zeit, nein, ich denke, diese Ansicht von Zeit ist zu objektiv, sie stellt uns die Zeit als Untertanen dar. Wir bestimmen also gewissermaßen über die Zeit, doch das ist nur zum Teil richtig, weil wir bestimmen, wie wir "unsere Zeit" gestalten, also bestimmen wir die Nutzung der Zeit, nicht aber die Zeit selber, daher müßten wir wohl eher sagen, "Zeit sein", weil uns die Zeit wegläuft, und egal, wie wir uns bemühen, sie auszudehnen, es wird uns nicht gelingen. Wir sind also gewissermaßen Zeit, wir selber bestehen, wie biologisch zu 90% aus Wasser, zu 100% aus Zeit. Zumindest bei unserer Geburt, denn wir werden immer weniger Zeit, doch keiner von uns weiß, wie viel Zeit er noch ist, sonst würden wir ja unter einem nicht aushaltbaren (Zeit-)Druck stehen. Dies stellt uns Zeit zunächst auf einer transzendenten und überlegenen Weise dar.
Wenn wir aber Zeit sind, so können wir auch Zeit geben, indem wir uns geben, die Zeit ist unser höchstes Gut, das einzige, über deren Nutzen wir bestimmen können, das einen wahren Wert hat, denn wir können sie keinem zurückgeben; wenn wir jemandem etwas Wertvolles schenken, so ist das Wertvollste immer die Zeit miteinander. Zeit teilen heißt sich teilen. Denn die können wir nur einmal verschenken, geschenkte Zeit geht niemals verloren, sie lebt mit uns in unseren Erinnerungen. So können wir immer erst hinterher bestimmen, was gute und was schlechte, bzw. schlecht investierte Zeit war. Doch mit der Zeit investieren wir kein Gut, wir investieren uns selbst. Wer Zeit schenkt, schenkt sich selbst, und nur so können Freundschaften entstehen, nur durch unsere Zeit können wir sie halten, nur durch uns. Wenn wir also sagen die Zeit läuft uns weg, so laufen wir uns auch selber weg, wir schwinden dahin, werden immer weniger, sobald wir geboren sind. Doch mit der "verlorenen" Zeit werden wir auch jederzeit mehr, mehr an Erfahrung, an Erinnerung, also ist das "Zeit verlieren", das "uns verlieren", auch immer ein "Erfahrung/Erinnerung gewinnen", also "uns gewinnen". Denn aus diesen Erinnerungen erwächst Hoffnung, also aus uns selbst. Wenn wir uns nach guten oder glücklichen Zeiten sehnen, so sehnen wir uns stets nach dem, was unsere Hoffnungen erfüllt. Sobald und solange wir leben (Zeit sind), leben wir also glücklich, aber in der Hoffnung. Wir sind also nicht Sklaven der Zeit, sondern nur unserer selbst, denn wir haben die Gestaltung unserer Zeit in der Hand. Denn wir verantworten unser Handeln oder Nichthandeln selbst und zuerst vor uns selbst. "Sapere aude" heißt also mehr als bloß vernünftiges = eigenständiges Handeln, sondern zeitliches Handeln, teilendes Handeln, in Verantwortung vor uns selbst im Hinblick auf ein "Mehrwerden" trotz des "Wenigerwerdens". Wer gibt uns aber nun die Zeit? Die Zeit selbst, oder ein überzeitliches Wesen (Gott)? Dasjenige ist es aber, das uns auch die Hoffnung, und das Geschick der Gestaltung gegeben hat, durch das wir leben, aber in Zeit. Und doch gerade in Zeit, denn sie gibt uns und unserem Leben (unserem "Zeit-Geben") einen Wert, und in der Hoffnung einen Ausblick auf ein neues, auferstandenes, (vom Zeitdruck) erlöstes Leben. |